Digital Design: Interview mit Dr. Kim Lauenroth

  • Interview
  • Veröffentlicht am 14.06.2019
Digital Design: Interview mit Dr. Kim Lauenroth

Im September 2018 veröffentlichte der Digitalverband Bitkom ein Manifest, das in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft für einiges Aufsehen sorgte. Darin ruft Bitkom dazu auf, mit dem Digital Designer einen neuen Beruf zu schaffen, der die Brücke schlägt zwischen IT und Design. Einer, der das Thema vorantreibt, ist Dr. Kim Lauenroth. Als Mitglied des Arbeitskreises “Digital Design” war er maßgeblich an der Ausarbeitung des Manifests beteiligt und hat es als erster unterzeichnet. Bei der Theorie allein belässt es Kim Lauenroth aber nicht. Für die adesso AG, wo er das Competence Center für Requirements Engineering leitet, bildet er bereits Digital Designer aus.

Herr Lauenroth, was war das für ein Gefühl für Sie, als Erster das Digital-Design-Manifest zu unterzeichnen?

Das ging mir eigentlich ganz locker von der Hand, zum einen, weil ich voll dahinter stehe und mich zudem auch schon sehr lange mit dem Thema auseinandersetze. Was wir bei Bitkom mit dem Manifest losgetreten haben, wurde mir aber erst ein paar Monate später wirklich klar. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft interessieren sich mittlerweile sehr für das Thema. Und auf Xing sieht man sogar schon einige Profile, die die Jobbezeichnung des Digital Designers für sich übernommen haben. Ich habe das Gefühl, dass das Thema gerade zunehmend an Aufmerksamkeit und Dynamik gewinnt.

Was ist für Sie der Kern Manifests?

Das Wichtige an dem Manifest sind drei Punkte:

Erstens soll es klar umreißen, was Digital Design bedeutet und was es leisten kann. Zweitens soll es darauf aufmerksam machen, dass wir Digital Design dringend brauchen und dass es als Profession anerkannt wird. Drittens soll das Berufsbild des Digital Designers in der Aus- und Weiterbildung etabliert werden, um damit Leute zu motivieren, diesen Beruf zu ergreifen.

Das Berufsbild des Digital Designers entwickelte sich aus einem Arbeitskreis heraus, in dem es um die verschiedenen Rollen in der Softwareentwicklung ging. Wie kam es dazu?

Wenn Sie ein Haus bauen wollen, dann gehen Sie zum Architekten. Wenn Sie ein Unternehmen digitalisieren wollen, wohin gehen Sie dann? Das war unsere Ausgangsfrage. Aktuell gibt es in der digitalen Welt kein Äquivalent zum Architekten. Da liegt unserer Meinung nach das Problem: Wir haben im Bereich Software keine passenden Berufsbilder.

Das hat viel mit der historischen Entwicklung der IT-Welt zu tun. Als ITler bin ich es gewohnt, dass mir der Kunde vorgibt, was ich umsetzen soll. Da gibt es wenig Gestaltungsspielraum, bzw. wird dieser auf den Kunden übertragen. Doch je mehr technische Möglichkeiten es gibt – von Internet of Things bis hin zur Künstlichen Intelligenz – stößt auch die Kundenseite an die Grenze zu überblicken, wie man diese Technologien einsetzen kann.

Deswegen haben wir gesagt, dass wir Leute brauchen, die mit Software gestalten können. Startups und Unternehmen wie Apple, Google, Amazon oder Spotify machen das ja schon.

Gibt es in anderen Nationen das Berufsbild des Digital Designers schon? Was machen die denn anders?

Nein, das gibt es dort auch nicht. Aber trotzdem machen es manche Unternehmen anders. Die Produkte von Apple beispielsweise werden maßgeblich von Industriedesignern entwickelt. Es gibt zwar Studiengänge, die schon in diese Richtung gehen, wie Medieninformatik oder User Experience Design. Sie haben aber eher einen spezifischen Fokus. Ein Berufsbild mit ganzheitlichem Anspruch, wie ihn Industriedesigner oder Architekten haben, gibt es in der IT bisher nicht.

Genau hier müssen wir etwas tun.

In dem Zuge haben Sie das Event "Design meets IT" veranstaltet. Was konnten Sie als ITler von Designern lernen?

Ein wichtiger Punkt war für mich das Spielen mit Möglichkeiten und der Gedanke „Entwerfen schützt vor Verplanen“. Der Designer startet mit Entwürfen und Prototypen, sozusagen als Grundlage für den Dialog mit dem Kunden, um mit dessen Feedback verschiedene Varianten zu entwickeln, bis zum fertigen Produkt. Während der ITler das umsetzt, was der Kunde ihm vorgibt, produziert der Designer aktiv Lösungen und der Kunde gibt das Feedback. Das ist der fundamentale Unterschied.

Der zweite wichtige Punkt ist die Auseinandersetzung mit dem Material. Designer setzen sich viel intensiver mit den verschiedenen Materialien auseinander, um deren Möglichkeiten zu begreifen. In der IT haben wir Software, doch wird sie nicht als Material begriffen, das man formen oder gestalten kann.

Einer meiner Freunde, der Industriedesigner ist, sagt immer, für ihn sei Software das beste Holz, weil es so unendlich viele Eigenschaften hat, mit denen man alles Mögliche machen kann.

Wie stellen Sie sich das Berufsbild des Digital Designers vor, wo kommt er zum Einsatz und was sind das für Menschen?

Der Digital Designer kommt im kompletten Lebenszyklus einer digitalen Produktlösung zum Einsatz. Angefangen damit, zu erörtern, welche Erwartungen an die Lösung gestellt werden, dann daraus Ideen zu entwickeln und schließlich deren Umsetzung zu begleiten. Er ist also in einem breiten Spektrum unterwegs und braucht deshalb zum einen tiefe „Materialkompetenz“ in der Digitaltechnologie und zum anderen ausgeprägte Gestaltungskompetenz.

Leute, die sich für dieses Berufsbild interessieren, sind meistens Designer mit einer Affinität zur IT. Ich treffe immer mehr Industriedesigner, die das gerne machen würden.

Wo sehen Sie die Ausbildung beheimatet – eher im Bereich Design oder IT?

Das Problem ist, dass es nicht ausreicht, den Studierenden das Programmieren beizubringen und parallel dazu Designvorlesungen zu geben. In der Ausbildung muss es gelingen, den Gestaltungsprozess mit dem Herstellungsprozess von IT zu verheiraten. Ich muss mich also sehr stark mit Design und IT beschäftigen, muss aber auch den Herstellungsprozess verstehen, denn der Herstellungsprozess von IT ist fundamental anders als der von physischen Produkten.

Diesen ganzheitlichen Grundgedanken haben wir vom Bauhaus übernommen. Walter Gropius wollte seinen Studenten den kompletten Prozess von der Idee bis zum fertigen Produkt vermitteln, damit sie ein intuitives Gespür dafür entwickeln, wo die Herausforderungen liegen. Beim Digital Designer beträfe das zum Beispiel Gestaltungsentscheidungen, die an der Oberfläche ganz einfach aussehen, tatsächlich aber einen Rattenschwanz an Programmierarbeit nach sich ziehen. Wenn ich als Digital Designer dafür kein Gespür habe, isoliere ich mich von den Leuten, die das umsetzen müssen.

Ist der Digital Designer dann nicht die berühmte eierlegende Wollmilchsau?

Den Vorwurf höre ich öfter. Natürlich soll er das nicht sein. Nehmen Sie wieder das Bauwesen als Analogie. Der Architekt arbeitet mit Bauingenieuren und den vielen weiteren Berufen des Bauwesens zusammen, um ein Gebäude zu realisieren. Genauso arbeitet der Digital Designer unter anderem mit spezialisierten Software-Ingenieuren, Experten für Big Data oder Spezialisten für den Betrieb großer Softwaresysteme zusammen.

Künstliche Intelligenz ist auch ein schönes Beispiel. Wenn man sich grundtheoretisch mit den Fähigkeiten von KI beschäftigt, ist es relativ einfach zu verstehen, was sie leisten und wo sie sinnvoll eingesetzt werden kann. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich als Digital Designer verstehen muss, wie Künstliche Intelligenz unter der Haube funktioniert, realisiert oder betrieben wird. Das ist dann Aufgabe anderer Berufsgruppen.

Bei adesso bilden Sie schon Digital Designer aus. Wen sprechen Sie da an und welche Bausteine gehören zur Ausbildung?

Wir sprechen vor allem Industriedesigner, Produktdesigner oder Architekten an, die eine Affinität für IT haben. Diese schulen wir zum einen in Oberflächentechnologie, weil die Anwendungen, die wir bei adesso entwickeln, sehr oberflächenlastig sind. Je nachdem welche Projekte anstehen, gibt es auch Schulungen zu Themen wie Datenbanken, der Verarbeitung großer Datenmengen oder auch Augmented Reality. Diese Technologie verfolgen wir momentan mit großem Interesse.

Natürlich haben wir Leute in unserem Unternehmen, die solche Augmented-Reality-Brillen programmieren können, die aber darauf angewiesen sind, dass die Kunden ihnen sagen, was genau sie umsetzen sollen. Unsere Digital Designer verstehen die Potenziale und Grenzen dieser Technologie und können zusammen mit dem Kunden überlegen, wie man sie ausschöpfen bzw. ausreizen kann.

Was wünschen Sie sich, wie sich das Thema Digital Design weiter entwickelt?

Mein Wunsch ist es, dass man spezielle Hochschulen ins Land stellt, die sich der Digitalisierung und neuen Berufsbildern für die Digitalisierung widmen. Genauso war es bei der Gründung des Bauhaus'. Gropius brachte Künstler und Handwerker zusammen, weil es den Typus desjenigen, der die Brücke aus beiden Bereichen schlug, noch nicht gab. Als die ersten Generationen Studenten fertig ausgebildet waren, übernahmen diese die Ausbildung im Bauhaus. Spätestens da ging die Produktion von Ideen durch die Decke.

Ich bin davon überzeugt, dass eine Hochschule als "Digitales Bauhaus" Ideen produzieren kann, an die heute noch niemand denkt. Das würde der Digitalisierungsentwicklung in NRW und in ganz Deutschland einen enormen Schub geben. Wenn man zum einen Lehrende hat, die das Konzept des Digital Designs verinnerlicht haben und man auf der anderen Seite genau die Leute anlockt, die das machen wollen, dann sprudeln die Ideen und man kommt gar nicht hinterher, alles umzusetzen, was sich diese Menschen dann ausdenken werden.